{"id":11284,"date":"2024-08-21T09:03:00","date_gmt":"2024-08-21T07:03:00","guid":{"rendered":"https:\/\/www.hirondelle.org\/die-menschen-sollten-nicht-mit-der-propaganda-allein-gelassen-werden"},"modified":"2024-08-21T09:03:00","modified_gmt":"2024-08-21T07:03:00","slug":"die-menschen-sollten-nicht-mit-der-propaganda-allein-gelassen-werden","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.hirondelle.org\/de\/die-menschen-sollten-nicht-mit-der-propaganda-allein-gelassen-werden","title":{"rendered":"DIE MENSCHEN SOLLTEN NICHT MIT DER PROPAGANDA  ALLEIN GELASSEN WERDEN"},"content":{"rendered":"<p><strong>Ekaterina Glikman ist eine der\u00a0Gr\u00fcnderinnen und die erste stellvertretende Chefredakteurin des russischen Exilmediums \u201eNovaya Gazeta\u00a0Europe\u201d, einer im April 2022 gestarteten Online-Plattform. Sie lebt derzeit\u00a0in der Schweiz. Zuvor war sie \u00fcber 20\u00a0Jahre lang f\u00fcr die unabh\u00e4ngige russische Zeitung \u201eNovaya Gazeta\u201d t\u00e4tig.\u00a0<\/strong><b>Dieses Interview stammt aus der 13. Ausgabe von Mediation mit dem Namen \u201eStrukturierung des Exiljournalismus in einer autorit\u00e4reren Welt\u201c, <a href=\"pdfviewer\/?lang=de&amp;id=778\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">die Sie hier finden<\/a>.<\/b><\/p>\n<p><strong>Novaya Gazeta war \u00fcber 30 Jahre lang Russlands\u00a0gr\u00f6sstes unabh\u00e4ngiges Medienunternehmen\u00a0und eine der letzten \u00fcberlebenden Publikationen\u00a0im Lande, die den Kreml zur Rechenschaft zog.\u00a0Was hat Sie dazu bewogen, im Exil zu arbeiten?<\/strong><\/p>\n<p><strong>Ekaterina Glikman<\/strong>: Seit Putins Machtantritt wurden\u00a0sieben Mitarbeitende von Novaya Gazeta ermordet,\u00a0weil sie ihre Arbeit gemacht haben, aber die Zeitung\u00a0hat trotzdem weitergemacht. Nach dem von Putin\u00a0beschlossenen Beginn der russischen Invasion in der\u00a0Ukraine im Februar 2022 und nach der von ihm im\u00a0M\u00e4rz 2022 verh\u00e4ngten Milit\u00e4rzensur gibt es in\u00a0Russland keine Pressefreiheit mehr. Unsere Logik ist:\u00a0Wenn es nicht m\u00f6glich ist, die Russen in Russland mit\u00a0wahrheitsgem\u00e4ssen Informationen zu versorgen,\u00a0dann muss dies aus dem Ausland geschehen. Die\u00a0Menschen sollten nicht mit der Propaganda allein\u00a0gelassen werden. Das hat niemand verdient.\u00a0Mindestens die H\u00e4lfte der Bev\u00f6lkerung ist gegen den\u00a0Krieg, aber sie kann ihre Meinung nicht \u00e4ussern und\u00a0wird nirgendwo vertreten. Unabh\u00e4ngiger\u00a0Journalismus ist ihre einzige Stimme und Verbindung\u00a0zu echten Informationen, zum Rest der Welt.<\/p>\n<p><strong>Wie berichten Sie von aussen: Wie erhalten Sie\u00a0Zugang zu zuverl\u00e4ssigen Informationen und wie\u00a0halten Sie die Verbindung zu Ihrem Publikum\u00a0aufrecht?<\/strong><\/p>\n<p>Es gibt viele Reporter, die in Russland geblieben sind,\u00a0obwohl sie dort in Gefahr sind. Sie arbeiten heimlich\u00a0f\u00fcr uns. Wir verbergen ihre Pers\u00f6nlichkeiten unter\u00a0Pseudonymen. Wir verbergen sie sogar vor unserem\u00a0eigenen Team. Die Reporter, die am meisten gef\u00e4hrdet sind, sind nur einem oder zwei Mitgliedern\u00a0unseres Teams bekannt. Wir versuchen auch, unsere\u00a0Informationsquellen vor Russland so weit wie m\u00f6glich zu sch\u00fctzen. Wir pr\u00fcfen auch Dokumente und\u00a0versuchen, staatliche Desinformation mit Fakten zu\u00a0kontern. Ich mache mir grosse Sorgen um meine\u00a0Kollegen und Informanten in Russland. Jedem von\u00a0ihnen drohen Jahre (und sogar Jahrzehnte) Haft f\u00fcr\u00a0die Zusammenarbeit mit unseren Medien, da wir in\u00a0Russland als \u201eunerw\u00fcnschte Organisation\u201d, d.h. als\u00a0Kriminelle, eingestuft werden. Und die mutigen\u00a0Menschen, die uns mit Informationen aus den von\u00a0russischen Truppen besetzten Gebieten der Ukraine\u00a0versorgen, setzen ihr Leben aufs Spiel.<\/p>\n<p>Unser Ziel ist es, das russische Publikum mit faktenbasierter Berichterstattung zu erreichen, um der\u00a0Zensur, Propaganda und Desinformation des Kremls\u00a0entgegenzuwirken. Unsere Leser in Russland umgehen Blockaden (nat\u00fcrlich ist auch unsere Website\u00a0blockiert!) mit Hilfe von VPN-Diensten. Wir nutzen\u00a0auch soziale Medien, die in Russland noch nicht\u00a0blockiert sind (z.B. Telegram und YouTube), um die\u00a0Russen zu informieren und zu sensibilisieren. Und dann gibt es da noch ein\u00a0ganz exotisches Beispiel:\u00a0Innerhalb von zwei Jahren\u00a0haben wir Newsletter f\u00fcr\u00a0russische Gefangene verfasst und uns hinter Gittern\u00a0einen guten Ruf erworben,\u00a0wodurch wir dann das erste Medienorgan waren,\u00a0das die Welt \u00fcber die Einzelheiten des Todes von\u00a0Alexej Navalny informieren konnte. In dieser abgelegenen Kolonie in der russischen Arktis hatten wir\u00a0auch Leser, und diese wurden dann zu unseren\u00a0Informationsquellen.<\/p>\n<p><strong>Was sind die psychologischen Auswirkungen\u00a0der Berichterstattung im Exil?<\/strong><\/p>\n<p>Die meisten unserer Journalisten verliessen \u00fcber\u00a0Nacht das Land. Seitdem berichten sie sieben Tage\u00a0die Woche haupts\u00e4chlich \u00fcber den Krieg in der\u00a0Ukraine und die Repression in Russland und verlassen kaum noch die Redaktion. Unsere 70 Reporter\u00a0sind sehr jung und leben seit zwei Jahren im Exil,\u00a0ohne Aussicht auf eine R\u00fcckkehr nach Russland. Sie\u00a0wissen nicht, wann sie ihre Verwandten und Eltern\u00a0wiedersehen werden, und das ist sehr schwer f\u00fcr sie.\u00a0Das Erkennen ihrer psychologischen Probleme ist\u00a0ebenso wichtig wie die Gew\u00e4hrleistung ihrer physischen Sicherheit.<\/p>\n<p><strong>Die digitale \u00dcberwachung von Journalisten im\u00a0Exil wird immer alarmierender. Wie gehen Sie\u00a0mit dieser Situation um?\u00a0<\/strong><\/p>\n<p>Hier gibt es zwei Aspekte. Wir haben uns bereits\u00a0daran gew\u00f6hnt, von den russischen Beh\u00f6rden\u00a0bedroht zu werden. Leider stehen auch die westlichen Geheimdienste unserem Staat nicht nach: Auf\u00a0den Ger\u00e4ten von Exiljournalisten wurde Pegasus-Spionagesoftware gefunden. Diese zweite Tatsache\u00a0hat uns zu gesunden Skeptikern gemacht.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Ekaterina Glikman ist eine der\u00a0Gr\u00fcnderinnen und die erste stellvertretende Chefredakteurin des russischen Exilmediums \u201eNovaya Gazeta\u00a0Europe\u201d, einer im April 2022 gestarteten Online-Plattform. Sie lebt derzeit\u00a0in der Schweiz. Zuvor war sie \u00fcber 20\u00a0Jahre lang f\u00fcr die unabh\u00e4ngige russische Zeitung \u201eNovaya Gazeta\u201d t\u00e4tig.\u00a0Dieses Interview stammt aus der 13. 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